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von FOCUS-Online-Autorin
Andrea Ege
 
Tatort-Fotos
 
Die Ästhetik des Grauens
 
 
| 13.01.07, 20:19 |
 
Mord, Totschlag, Vergewaltigung – eine Fotoausstellung in Amsterdam zeigt die beunruhigende Ästhetik des Grauens.
 
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Nein, da waren einige Amsterdamer Polizisten nicht amüsiert: Ihr Arbeitgeber hatte ihnen einen Bildband mit Fotos über Mord, Totschlag und Vergewaltigung unter den Weihnachtsbaum gelegt. Nun läuft in Amsterdam die Ausstellung zu dem umstrittenen Buch – 35 Fotos aus dem Polizeiarchiv dokumentieren die Ästhetik des Verbrechens aus der Zeit von 1965 bis 1985.
 
 
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Das Grauen ist ein Schuh auf einer Treppe. Eine Bibel auf dem Asphalt. Daneben steht: „Mord“. Oder „Selbstmord“. Leichen in extremen Stellungen erzählen von den letzten, tragischen Sekunden eines Lebens. Eine schief gerückte Wandlampe vor einer geblümten Wand wirkt fast gruseliger als der weiß leuchtende Leib eines Toten unter Wasser.

Verbotene Früchte

Keines der Fotos aus dem Amsterdamer Polizeiarchiv, die jetzt in der Amsterdamer Galerie „Foam“ unter dem Titel „Plaats Delict Amsterdam“ zu sehen sind, war für die Öffentlichkeit bestimmt. Vielleicht liegt darin ihre Anziehungskraft. Es sind verbotene Früchte, zum Kosten bereit. Sie befriedigen den Voyeuristen in uns allen. Und: Sie sind beunruhigend schön.

Von Cliff Richard bis Che Guevara

Die Ausstellung zeigt nicht nur Tatorte, sie ist auch ein Zeitdokument. Wild gemusterte Teppiche und Fototapeten weichen im Lauf der Jahrzehnte schlichterem Interior. Fotos von Cliff Richard an den Wänden werden verdrängt durch Bilder von Jimmy Hendrix und Che Guevara. Selbst die Todesarten erzählen vom Lauf der Geschichte, wie zum Beispiel die vielen Drogentoten in den 60-ern, die auf LSD-Trip glaubten, aus dem Fenster fliegen zu können.

Jeder Nationalität ihre Todes-Spezialität

In den Jahren 1965 bis 1985 wechselten auch die Einwanderergruppen, die Holland für sich entdeckt hatten. Und mit ihnen die Zahl bestimmter Straftaten. Raubüberfälle zum Beispiel waren eine italienische Spezialität. Marokkaner und Antillianer bevorzugten zum Töten das Messer, Jugoslawen killten extrem kaltblütig, Chinesen töteten sich immer nur untereinander, und mit dem vermehrten Zuzug von Türken stieg die Zahl der registrierten Schießereien in Amsterdam. „Importkriminalität“ nennen die Amsterdamer Polizisten das.

Witze als Schutz

Im Ausstellungskatalog kommen die Polizeifotografen zu Wort. Sie versuchen zu erklären, wie man weitermacht in so einem Job, ohne durchzudrehen. Oft verirrt sich die Erzählung im Dickicht des Wahnsinns, täglich dem Grauen ins Auge zu sehen. Wie Kriegsfotografen schieben auch Polizeifotografen schutzsuchend die Linse zwischen sich und die Welt. Mit einem Standardwitz munterten sie sich immer wieder gegenseitig auf: „Kannst ruhig schön lang belichten, er liegt ja ganz ruhig.“

Kein Blumenkohl, kein Beefsteak

Für die Ausstellung berichten sie aber auch von jenen Dingen, die sich allen Verdrängungsmechanismen zum Trotz den Weg durch Linse, Auge, Gehirn und für immer in ihr Gedächtnis bahnten. Von dem Zwölfjährigen, der sich an der Gardinenstange erhängt hatte. „Die Sonne schien hell ins Zimmer.“ Oder dem toten Neugeborenen in der Sporttasche. Über manches sprechen sie zum ersten Mal. Selbst zu Hause sind Fragen tabu: „Einmal saß ich nach einer langen Gehirnsektion in der Pathologie beim Abendessen“, erzählt einer. “Ich ließ den Blumenkohl stehen. Willst du lieber ein Beefsteak, fragte meine Frau. Mir reichte ein Käsebrot an diesem Tag.“

Die Ausstellung „Plaats Delict Amsterdam“ läuft noch bis 25. Februar 2007 in der Galerie „Foam“. Keizersgracht 609, Amsterdam. Öffnungszeiten: täglich 10 bis 17 Uhr, Donnerstag und Freitag 10 bis 21 Uhr, Eintritt 7 Euro.

 
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Leser-Kommentare (6)
 
 
Marco Vogt (14.01.2007 10:10 Uhr)
Diese Ästhetik kennen wir seit 9/11
Damals brachte ein Musiker es sogar auf den Punkt! Dafür wurde er vom deutschen Politiker Asinat einhellig dafür kritisiert, obwohl er treffend von der Faszination des Bösen und der Bilder sprach.
 
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